An-Institut der Stiftung Weltethos
an der Universität Tübingen

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„Wir brauchen eine Wirtschaft der Balance“

Ein Interview von Barbara Thurner-Fromm von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel

Foto: Daniel Hemel

Ulrich Hemel ist Vorsitzender des Bundes katholischer Unternehmer und Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen. Die Pandemie offenbart für ihn auch die Sinnkrise der Wirtschaft.


Herr Professor Hemel, das Herunterfahren der deutschen Wirtschaft kam in einer Geschwindigkeit, die vor der Corona-Krise unvorstellbar war. Glauben Sie, dass sich die Wirtschaft auch schnell wieder erholt?

Das war die Hoffnung vieler Unternehmer und Politiker zu Beginn der Krise, wird aber nicht so kommen. Man hoffte auf einen „V“-Verlauf der Krise, also einen raschen Absturz und eine rasche Erholung. Wirtschaft aber braucht Vertrauen. Wenn nun Millionen Menschen in Kurzarbeit sind und Arbeitslosigkeit droht, bricht das Verbrauchervertrauen ein. Dann wird auch weniger konsumiert. Der Staat wiederum steckt unglaublich viel Geld in die Krisenbewältigung, muss dann mit Steuerausfällen kämpfen und wird nicht mehr, sondern weniger als zuvor investieren. Da wir andererseits als Exportland besonders stark vom Ausland abhängen, dort aber die Nachfrage teilweise noch stärker eingebrochen ist, stehen wir vor einer gewaltigen Krise im Bereich Automobil, Maschinenbau und Exportindustrie. Im Bereich Dienstleistung schließlich werden sich der Tourismus und die Freizeitindustrie nicht so schnell erholen, zumal ja die Corona-Auflagen letztlich auch wegen der geltenden Beschränkungen Umsatz kosten werden. Das Ausmaß der Krise ist daher leider tendenziell größer als das, was wir schon jetzt sehen.

Deutschland hat ein robustes Gesundheitswesen und einen sehr gut funktionierenden Sozialstaat. Selbst hart getroffene Unternehmen zeigen sich diszipliniert, mitarbeiterorientiert und optimistisch. Entdecken wir gerade die Soziale Marktwirtschaft neu?

Das ist meine Hoffnung. Soziale Marktwirtschaft bedeutet ja die Suche nach der besten Lösung im freien Wettbewerb kombiniert mit sozialen Mindeststandards, die den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern. Nur dürfen und können wir die Soziale Marktwirtschaft nicht auf Deutschland beschränken. Gerade die Corona-Pandemie zeigt ja, dass wir alle voneinander abhängen. Eine weltweite Soziale Marktwirtschaft würde tatsächlich bedeuten, dass soziale Mindeststandards etwa beim Arbeitsschutz und beim Zugang zu sauberem Wasser, zu Gesundheit und Bildung global gelten. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen weisen in diese Richtung, aber der gegenwärtige Trend zu nationalen Egoismen stimmt mich nicht sehr optimistisch. Wir dürfen aber die Hoffnung nicht aufgeben und müssen, gerade als Christinnen und Christen, für die Solidarität der gesamten globalen Zivilgesellschaft einstehen.

Die hohen Ansteckungsraten bei Beschäftigten in bestimmten Bereichen – Krankenhaus, Pflegeinrichtungen oder in der Schlachtindustrie – legen allerdings auch kritikwürdige Arbeitsbedingungen schonungslos offen. Glauben Sie, dass wir daraus lernen und nachhaltig etwas ändern?

Bevor wir handeln, müssen wir uns immer ein genaues Bild jeder einzelnen Situation machen, nach dem alten Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“. Personen im Gesundheitswesen brauchen am dringendsten persönliche Schutzausrüstung. Sie sollten auch als erste komplett getestet werden, denn das schafft Sicherheit statt diffuser Angst.

Das Beispiel der Schlachtindustrie liegt hier anders. Hier sind auch gesetzliche Abhilfen schon unterwegs, etwa durch das Verbot von Werkverträgen mit Subunternehmern. Wir sind auch in Deutschland keine durchgehend gerechte Gesellschaft. Hier sind allerdings Phantasie und Sachkunde gefragt, denn sonst erhalten wir eine Gesetzgebung, die gut gemeint ist, aber nicht gut gemacht. Genau dann aber gibt es Nebenfolgen, die keiner will, etwa beim befürchteten Abbau von Arbeitsplätzen.

Beschert uns die Krise auch einen Innovationsschub? Zum Beispiel endlich eine bessere digitale Ausstattung? Flexibleres Arbeiten? Oder das Homeoffice als Massenphänomen?

Innovation hat immer eine Zielrichtung. Sie ist kein Selbstzweck, sondern benötigt die Nachfrage nach bestimmten Problemlösungen. Derzeit erleben wir einen Digitalisierungsschub in der Gesellschaft, der ganz erhebliche Auswirkungen haben wird. Viele Flugreisen werden auch künftig nicht stattfinden, weil sich die Videokonferenz jetzt flächendeckend durchgesetzt hat. Flexibles Arbeiten wird stärker zum Normalfall. Aber auch das Homeoffice stellt neue Anforderungen, etwa an die Arbeitssicherheit, die IT-Sicherheit und die Arbeitszeiterfassung. Außerdem führt das Homeoffice zu neuen, alten Fragen: Wie sind die Lasten in der Familie verteilt? Welche Teilhabe am Arbeitsmarkt gilt für Alleinerziehende?

Zu den Innovationen im Bereich Digitalisierung gehört auch das „Internet der Dinge“. Hier hat Deutschland große Chancen, mit der „Industrie 4.0“ weltweit führend zu werden. Das ist in keinem anderen Bereich der digitalen Transformation gelungen.

Deutschland ist ein reiches Land, das unfassbar viele Milliarden locker machen konnte. Sogar für ein 500 Milliarden-Programm für Europa macht sich die Kanzlerin im Moment jetzt stark. Wir sehen in der Krise aber auch weltweit große Katastrophen:  die vielen Arbeitslosen in den USA, die rücksichtslose Politik in Brasilien oder die Millionen hungernder Arbeiter, die in Indien aufs Land fliehen. Zeigt die Globalisierung nun ihre wahren Abgründe?

Das könnte so wirken, weil das Corona-Virus ja auch durch den Reiseverkehr und Tourismus weltweit verbreitet wurde. Aber die Globalisierung ist nicht die Mutter aller Übel, sondern eher die Quelle weltweiten Wohlstands. Das wird häufig übersehen und ist auch durch Zahlen zu belegen. So ist die Anzahl der Menschen, die Hunger leiden, in den letzten 20 Jahren absolut und relativ gesunken; sie stagniert derzeit aber leider. Die Anzahl der Kinder mit Zugang zu Schulbildung ist ebenfalls weltweit absolut und relativ gestiegen.

Es gibt aber Auswüchse, vor denen wir die Augen schließen. Bisher ist es nicht gelungen, globale Mindeststandards für die Gewinnung von Rohstoffen zu formulieren, geschweige denn durchzusetzen. Die Frage von Dumping-Preisen beim Agrarexport reicher Länder, die Frage der Arbeitssicherheit in der Textilindustrie und die Frage nach dem effektiven Aufbau funktionierender einheimischer Märkte sind nicht gelöst.

Die Corona-Pandemie könnte eine Chance sein für bessere internationale Institutionen, etwa auf Ebene der WHO oder der FAO, der Welt-Ernährungsorganisation. Wenn wir kooperieren, haben wir alle etwas davon. Davon sind wir derzeit weiter entfernt als vor 30 Jahren. So ist beispielsweise die WTO, die Welthandelsorganisation, nur ein Schatten ihrer selbst. Für die Teilhabe gerade ärmerer Länder am Welthandel sind das leider keine guten Nachrichten.

Sie sprechen nicht nur für die katholischen Unternehmer und Unternehmerinnen in Deutschland, sondern forschen als Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen auch nach den Bedingungen und Regeln für ein internationales Wirtschaften und Zusammenleben. Welche wichtigen Erkenntnisse ziehen Sie aus dieser Pandemie?

Wir wissen, dass die Krise die Extreme beflügelt. Sie fördert weltweite Solidarität ebenso wie krassen Eigennutz bis hin zu Betrug. Die Corona-Krise zwingt uns, die Frage nach der Verbindung von guter Gesundheit, florierender Wirtschaft und lebendiger Demokratie neu zu stellen. Sie stellt auch die gegenwärtige Weise des Wirtschaftens auf den Prüfstand. Sie ist Spiegelbild der Sinnkrise, die wir im Wirtschaftsleben durchaus auch sehen. Viele Menschen möchten Wertschöpfung mit Sinnschöpfung verbinden, sie wollen einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Das ist auch bei vielen Unternehmen so angekommen, die nun verstehen lernen, dass wir eine neue Wirtschaft der Balance brauchen, die Aspekte wie Gemeinwohl, Nachhaltigkeitsbilanz und Qualität der Arbeitsbeziehungen neu denken muss.

Die weltweite Corona-Krise wirft viele Länder wirtschaftlich zurück und hat nationale Egoismen geweckt. Gilt dies auch für wichtige Themen wie nachhaltiges Wirtschaften und eine aktive Klimapolitik. Sehen Sie trotzdem optimistisch in die Zukunft?

Als Menschen haben wir eine große Katastrophenkompetenz. Das gilt in beide Richtungen: Wir erzeugen Katastrophen, sind aber auch in der Lage, sie zu bewältigen. Wenn es uns gelingt, die Corona-Krise als Ausgangspunkt für ein besseres, solidarisches Europa zu nehmen, strahlt dies weltweit aus. Damit meine ich einen Korridor für Unternehmenssteuern von 20 bis 40 Prozent, eine Europäische Arbeitslosenversicherung, deren Zahlungen sich prozentual an der Wirtschaftsleistung des eigenen Landes ausrichten, aber auch eine stärker vernetzte Wiederaufbau- und Wirtschaftspolitik.

In jeder Krise steckt eine Chance. Wenn wir die gegenwärtige Chance ergreifen, bleibe ich optimistisch, auch für die Klimapolitik. Und dies erst recht am fünften Jahrestag der Enzyklika „Laudato Si“, in der Papst Franziskus eine nachhaltigere Wirtschaft weltweit fordert!


(Die Fragen stellte Barbara Thurner-Fromm)