Hans Küng starb am 6. April 2021 in seiner Wahlheimat Tübingen. Der Schweizer Theologe hatte Gläubige wie Nicht-Gläubige auf jedem Kontinent berührt – als Vordenker des Zweiten Vatikanischen Konzils, als global wirkender Intellektueller, als Versöhner zwischen den Weltreligionen. Mit dem Friedensprojekt Weltethos gab er dem Dialog der Religionen ab 1990 ein Grundsatzprogramm. Er eröffnete das weltweite Gespräch über Menschenpflichten und die Verantwortung der Wirtschaft für das Überleben der Menschheit. Auf allen Kontinenten empfing man ihn in Redaktionen, Palästen und Vorstandsetagen, in vollen Hörsälen und, wenige Tage nach dem 11. September 2001, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Fünf Jahre nach seinem Tod bleibt Weltethos sein Vermächtnis – und unser Auftrag.
Am 6. April 2021 starb Hans Küng in Tübingen, wo er seit 1960 gelebt und gelehrt hatte. Fünf Jahre danach wird öffentlich diskutiert, welchen Platz er in der Katholischen Kirche verdient – ob er rehabilitiert werden sollte, wie seine theologischen Positionen heute zu gewichten sind. Aber dieses Interesse an Küng greift zu kurz. Denn er war mehr als der einflussreichste Theologe des Zweiten Vatikanischen Konzils, als den ihn die New York Times in ihrem Nachruf würdigte – und sowieso viel mehr als der „Papstkritiker“, dem Rom 1979 die Lehrerlaubnis entzog.
Küng gehörte, wie der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert es in einer Laudatio 2009 formuliert hat, zu jenen seltenen Persönlichkeiten, die das „Selbstverständnis eines Kontinentes, unserer modernen Zivilisation“ geprägt haben. Küng selbst verstand sich – im Anschluss an den chinesischen Philosophen und Freund Tu Weiming – als global tätigen „öffentlichen Intellektuellen“, der kulturelle Sensibilität, politische Wachsamkeit und soziales Engagement verbindet. Also als ein Wissenschaftler, der den Dingen auf den Grund geht, öffentlich Stellung bezieht und in gesellschaftliche Prozesse eingreift. Einer, der Analyse und Gestaltung zusammendenkt. Nicht nur ein Problematisierer, sondern jemand, der auf Lösungen zielt. Dafür ist er im Gespräch gewesen – mit Päpsten und Präsidenten, Unternehmern und Musikern, Königen und natürlich mit „Kommilitonen“, wie Küng seine Zuhörerschaft in vollen Hörsälen zu adressieren pflegte.
Sein Lebenswerk ist das Projekt Weltethos. 1990 mit einem schmalen Buch eingeleitet – die NZZ sprach von „einer gewaltigen Rede, nicht fern prophetischer Gebärde“ –, 1993 als Erklärung vom Parlament der Weltreligionen in Chicago verabschiedet, 1995 in Form der Stiftung Weltethos verstetigt, 2001 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen entfaltet. Der leitende Gedanke ist so einfach wie anspruchsvoll: Diese eine Welt braucht keine Einheitsreligion und keine Einheitsideologie, wohl aber gemeinsame ethische Grundorientierungen – menschlich verbindende und verbindliche Werte, Normen und Haltungen. Eben ein gemeinsames Grundethos: in Fleisch und Blut, Sitten und Institutionen verkörperte Maßstäbe menschlichen Miteinanders.
Denn Gesellschaften werden im Grunde nicht durch Macht oder Märkte zusammengehalten, sondern durch gemeinsame Maßstäbe der Menschlichkeit. Durch eine Ausrichtung am „Humanum“, die als Haltung unser Verhalten und die Verhältnisse prägt, in denen wir zusammenleben. Sich an Prinzipien und Werten der Menschlichkeit auszurichten, heißt zugleich, dialogfähig zu sein. Und es heißt, Charakter, Sitten, Organisationen und Institutionen an ihrem Beitrag zum friedlichen Zusammenleben messen. Denn wo Formen gelebter Menschlichkeit und Dialogfähigkeit wegbrechen, wachsen sich Konflikte zu Krisen und Kriegen aus. In einer global verflochtenen Welt werden die Stärken und Schwächen zur zivilisatorischen Schlüsselfrage.
Küng hat sie nicht nur theoretisch gestellt, sondern praktisch zugespitzt. Früh hat er die Einladung, sich auf ein gemeinsames Weltethos zu besinnen, zu Wirtschaft und Politik getragen. Küng stellte sein Weltethos-Argument 1990 erstmals öffentlich vor beim Weltwirtschaftsforum in Davos. 2009 erarbeitete er gemeinsam mit den Wirtschaftsethikern Klaus Leisinger und Josef Wieland das „Manifest Globales Wirtschaftsethos“, das im Umfeld der Vereinten Nationen vorgestellt wurde. 2010 folgte Küngs Buch „Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht. Jenseits einer Gesinnungsethik, die Gewinnstreben pauschal diskreditiert, und jenseits einer Erfolgsethik der reinen Gewinnmaximierung geht es ihm darum, wirtschaftliches Handeln als Praxis global verantworteter Freiheit zu begreifen. Die ethisch und ökologisch aufgeklärte Soziale Marktwirtschaft verseht er als globales Friedensprojekt.
Für uns am Weltethos-Institut ist daraus ein Arbeitsprogramm geworden: „Anständig wirtschaften. In globaler Verantwortung.“ Also: Wie können wir Wirtschaft und Gesellschaft so gestalten, dass wir in Vielfalt miteinander auf einer bewohnbaren Erde zusammen leben und arbeiten können? Oder schlicht: Was heißt es, anständig zu handeln – gegenüber sich selbst, gegenüber anderen, gegenüber zukünftigen Generationen? Diese Fragen lassen sich nicht delegieren. Sie verlangen Urteilskraft und Haltung.
Hier hilft nicht nur Küngs Werk, sondern auch das Werk der vielen Theologinnen und Ökonomen, Sozialwissenschaftlerinnen und Philosophen, die das Projekt Weltethos vertieft haben. Darin stecken drei Beiträge, die wir weiter vermitteln wollen: Orientierung in einer Welt, die unübersichtlicher wird und in der das Bedürfnis nach verlässlichen Maßstäben wächst. Ermutigung, weil wir Lebensformen der Menschlichkeit nicht neu erfinden müssen, sondern aus bewährten religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Praktiken behutsam weiter entwickeln können. Und Engagement für eine bessere Praxis, weil uns das Projekt seit 1990 gezeigt hat, wie jeder einzelne Mensch durch Haltung und Handeln im Alltag und am Arbeitsplatz etwas bewegen kann.
Fünf Jahre nach seinem Tod ist Hans Küngs Weltethos kein Erbe, das wir verwalten. Es ist ein Auftrag, den wir am Institut und in der Stiftung weiterführen – und zu dem wir alle Menschen einladen, die unsere Welt besser verstehen, Verantwortung am Arbeitsplatz und im Alltag übernehmen und sie gemeinsam besser gestalten wollen.
Dr. Gohl ist der Geschäftsführer des Weltethos-Instituts. Er forscht und lehrt seit 2012 am Weltethos-Institut an der Uni Tübingen zur Entstehung und Wirkung von Werten, zur Ethik in Unternehmen und Wirtschaft und zur lernenden Demokratie.
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