Auftaktveranstaltung des Weltethos-Instituts in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft Berlin – Unter der Schirmherrschaft von Geschäftsführer Dr. Christopher Gohl hat das Weltethos-Institut am 12. November 2025 in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin den ersten Salon „Marktwirtschaft in demokratischer Verantwortung“ durchgeführt. Unter der Leitfrage „Demokratie und Marktwirtschaft: Was schafft Systemvertrauen in der Krise?„ kamen hochrangige Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft und Finanzwelt zusammen, um über Voraussetzungen vertrauenswürdiger Ordnungen in herausfordernden Zeiten zu sprechen.

Zu Beginn begrüßte Dr. Gohl die Gäste im ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais sowohl als Mitglied der Parlamentarischen Gesellschaft als auch als Geschäftsführer des Weltethos-Instituts. Er hob hervor, dass der Abend dazu diene, „schon früher begonnene Gespräche an neuer Stelle aufzuwerten und fortzusetzen“ – und zugleich neue Gesprächspartner*innen zu gewinnen, mit denen der Austausch längst hätte beginnen sollen. Die versammelten Gäste aus Politik und Ministerien, aus Wirtschaft und Unternehmen, aus Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen brächten „großartige Erfahrungen und vielfältige Perspektiven“ mit. Gohl äußerte seinen Wunsch und seine Zuversicht, dass der Abend neue, bereichernde Bekanntschaften stiften werde. Zugleich betonte er den programmatischen Anspruch des Abends: Es sei der Auftakt zu einer neuen Salon-Reihe, die unter dem Titel „Marktwirtschaft in demokratischer Verantwortung“ künftig regelmäßig stattfinden werde. Dahinter stehe eine einfache, aber grundlegende Idee: Friedliches Zusammenleben, anständiges Wirtschaften, gesellschaftlicher Zusammenhalt und Resilienz sind Gemeinschaftsleistungen – getragen von Marktwirtschaft und Demokratie, die sich wechselseitig stärken müssen.
Anständig wirtschaften. In globaler Verantwortung – Zum Auftrag des Weltethos-Instituts

Nils Goldschmidt, Mit-Geschäftsführer des Instituts, stellte das Weltethos-Institut als Forschungs- und Bildungseinrichtung vor, die sich seit ihrer Gründung 2012 durch Hans Küng der Frage widmet, wie verantwortliches Wirtschaften in globaler Verantwortung gelingen kann. Kein Ort des erhobenen Zeigefingers, sondern ein Ort des Dialogs, der Inspiration und neuer Ideen, betonte er.
Mit Blick auf seine Studie zum Sozialen Zusammenhalt als Wirtschaftsfaktor sprach Goldschmidt über die Soziale Marktwirtschaft als „Friedensprojekt“. Der Mensch müsse „faktisch Teil der Gesellschaft“ sein, echte Chancen zur Gestaltung seines Lebensweges haben – dies sei Kern einer „Ökonomie der Versöhnung“. Alfred Müller-Armack habe die Soziale Marktwirtschaft bewusst als „irenische Formel“, als Friedensformel, verstanden: den Ausgleich widerstreitender Interessen, ohne Unterschiede einebnen zu wollen.
Gerade heute, so Goldschmidt, sei diese Aufgabe dringlicher denn je: „Systemvertrauen in der Krise zu schaffen und jede und jeden Einzelnen mitzunehmen, muss ein fortdauerndes politisches und zivilgesellschaftliches Anliegen bleiben.“
Grußwort von Omid Nouripour: Vier Bedingungen für Vertrauen

In seinem Grußwort hob Omid Nouripour, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, vier miteinander verwobene Bedingungen hervor, die für das Verhältnis von Demokratie und Wirtschaft zentral sind. Zunächst betonte er die Bedeutung echter Anerkennung: Politik verliere Legitimation, wenn sie Menschen und ihre Problemlagen nicht wahrnehme. Viele, die hart arbeiteten und dennoch keine spürbaren Lösungen erlebten, fragten zu Recht: „Wofür zahlen wir eigentlich Steuern?“ Anhand eines Besuchs bei Bergbauern in West Virginia, die Donald Trump unterstützt hatten, schilderte Nouripour, dass Anerkennung und Ansprache oft entscheidender seien als die perfekte Problemlösung. Ebenso wichtig sei, dass staatliche Investitionen für die Menschen sichtbar und nachvollziehbar würden – eine gut funktionierende Bahn könne etwa ein solches Signal sein. Darüber hinaus brauche es eine starke, insbesondere lokale Presse, damit „die Wahrheit nicht unter die Räder kommt“. Und schließlich plädierte Nouripour für eine vitalere Streitkultur: Der differenzierte, regelgeleitete Streit sei abhandengekommen, doch gerade er sei notwendig, um Demokratie und Soziale Marktwirtschaft zu stärken. Man müsse wieder zuhören, Widerspruch aushalten und gelegentlich auch anerkennen, wenn die andere Seite recht habe. Mit diesem Appell an den Mut zum konstruktiven Disput entließ er das Publikum in die Gespräche des Abends.
Systemvertrauen im Finanzmarkt – Ein Impuls von Michael Theurer

Michael Theurer, Vorstand der Deutschen Bundesbank, eröffnete seinen Beitrag mit einem Zitat von Hans Küng, das die Notwendigkeit global geteilter ethischer Standards betont. Anschließend sprach er über die besondere Fragilität des Vertrauens im Finanzsystem. Die Finanzkrise 2008 habe gezeigt, „welche verheerenden Folgen es hat, wenn Vertrauen in Banken buchstäblich über Nacht schwindet“.
Auch heute gebe es Rückschlagrisiken – etwa im Bereich Künstliche Intelligenz oder in Schlüsselbranchen wie der Automobilindustrie. Als Bundesbanker nehme er den Wert gesellschaftlichen und institutionellen Vertrauens daher sehr ernst.
Vertrauen als Grundlage für die Arbeit an einer gemeinsamen Zukunft – Zum Beitrag von Gesine Schwan

Prof. Dr. Gesine Schwan knüpfte daran an – eröffnete ebenfalls mit einer Referenz auf Hans Küng – und sprach über Vertrauen als Haltung, die nicht auf Wissen beruht, sondern auf Hoffnung – eine Zukunftswette in unsicheren Zeiten. Kooperation zwischen freien Menschen, in Gesellschaft wie Wirtschaft, sei nur möglich, „wenn Vertrauen trägt“.
Sie diagnostizierte einen schwindenden Grundkonsens: „Wir teilen mitunter keine gemeinsame Welt mehr.“ Mit der von ihr gegründeten Berlin Governance Plattform gGmbH wolle sie Räume schaffen, in denen Kommunen gemeinsam an Lösungen arbeiten und so eine inklusivere und gerechtere Gesellschaft ermöglichen.
Auch sie plädierte für bessere politische und institutionelle Streitkultur: „Ich würde mich freuen, wenn Politiker sich mal den Luxus leisten würden, dem politischen Gegner bei einem Argument zuzustimmen.“
Ein Abend des lebendigen Dialogs
Besonders positiv aufgenommen wurde der Dialog zwischen Michael Theurer und Gesine Schwan, der mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Die Diskussion setzte sich im Anschluss in engagierten Fragen aus dem Publikum, in Tischgesprächen und einem gemeinsamen Abendessen fort – ganz im Sinne des Salon-Gedankens: Vertrauen entsteht im Gespräch.
Der Auftakt des Salons „Marktwirtschaft in demokratischer Verantwortung“ zeigte eindrucksvoll, wie wichtig Räume für überparteilichen, respektvollen Austausch sind. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft stärken einander – und Dialog ist die Ressource, die beide Systeme heute brauchen, um Orientierung und Vertrauen zurückzugewinnen.









Fotos: Laura Winter / Weltethos-Institut