ME/CFS bedroht Wirtschaft und Gesellschaft

Mittlerweile kennt in Deutschland nahezu jeder einen Menschen im eigenen Umfeld, der an Long Covid, Post-Covid und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) erkrankt ist. Die Krankheit, die für Betroffene schon lange gesundheitliche, finanzielle und strukturelle Probleme mit sich bringt, ist längst zu einer erheblichen volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Herausforderung geworden. Der Direktor des Weltethos-Instituts, Prof. Dr. Nils Goldschmidt, warnt davor, die gesellschaftliche und ökonomische Tragweite dieser Krankheiten weiterhin auszublenden.

Verschiedene Studien schätzen die jährlichen Kosten der Krankheiten auf ca. 1-1,5% des BIPs. Zwar sind diese Schätzungen – wie jede Schätzung – mit Unsicherheiten behaftet, allerdings liegt die Vermutung nahe, dass Long Covid, Post-Covid- und ME/CFS-Betroffene ein Lobbyproblem haben. Zum Vergleich: Die jährlichen gesellschaftlichen Kosten durch Krebserkankungen werden auf ca 0,55% des BIPs geschätzt. Die finanzielle Unterstützung von Forschung dazu sowie die Bereitstellung passender Therapieoptionen müssen dringend erhöhte Priorität und echte Zuwendung erhalten, um mehr Klarheit über die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Krankheiten zu erlangen. Angesichts der sozialpolitischen Herausforderungen, die unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren zu stemmen hat, könnnen wir es uns nicht leisten, eine potentiell massive Belastung der Sozialsysteme zu verdrängen. Abgesehen von der sozialpolitischen Notwendigkeit ist „es auch ethisch geboten, das Leid der Betroffenen von Long Covid und ME/CFS anzuerkennen und wirksame Hilfe zu ermöglichen“, so Nils Goldschmidt. Deshalb sieht Goldschmidt sowohl aus ethischer als auch ökonomischer Perspektive doppelten Handlungsbedarf: 

Foto: Weltethos-Institut / Emil Schmid

Mehr Anerkennung und Teilhabe für Betroffene durch die Gesellschaft und im Gesundheitssystem 

„Wer von Long Covid oder ME/CFS betroffen ist, erlebt häufig nicht nur gesundheitliche Einschränkungen, sondern verliert gesellschaftliche Teilhabe. Anerkennung ist kein Luxus – sie ist die erste Form von Hilfe.“ Die Geschichten der Betroffenen seien oft von Ohnmacht, Simulationsvorwürfen und Nicht-Gehörtwerden geprägt. Insbesondere gesellschaftliche Teilhabe ist nicht nur eine sozialromantische Idee sondern ein harter ökonomischer Fakt. Die Soziale Marktwirtschaft lebt davon, dass sie zur Teilhabe ermöglicht und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert. Das ist kein Luxus sondern eine Grundbedingung der wirtschaftlichen und politischen Stabilität Deutschlands. 

Höhere Priorisierung beim Mitteleinsatz der Bundesregierung 

Die Langzeitfolgen der Pandemie wirken sich längst auf Erwerbsfähigkeit, Arbeitsmarkt, Sozialsysteme und Produktivität aus. Zwar sind die Auswirkungen schwer zu schätzen, sie scheinen aber in einer Größenordnung zu liegen, die sich nicht in dem gegeben Mitteleinsatz in der Forschung widerspiegelt. Es ist – auch aus rein ökonomischer Kosten-Nutzen-Perspektive – schlichtweg zu riskant, ein Risiko zu ignorieren, dass jährlich 1-1,5% des BIPs kosten könnte. Insbesondere mit Blick auf die ohnehin schon stark belasteten Sozialsysteme, können wir es uns wirtschaftspolitisch nicht leisten, dieses Risiko zu ignorieren. Deshalb ist die ‚Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen‘ ein wichtiger Schritt, benötigt aber dringend breitere Aufmerksamkeit.“