An-Institut der Stiftung Weltethos
an der Universität Tübingen

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Teilzeit unter Generalverdacht? Bürokratisch und ethisch fragwürdig

Nils Goldschmidt, Direktor des Weltethos-Instituts und Mitglied im Deutschen Ethikrat, kritisiert den Vorschlag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), freiwillige Teilzeitarbeit künftig unter Genehmigungsvorbehalt zu stellen, als ökonomisch kurzsichtig und ethisch bedenklich. „Wer aus einer freien Entscheidung einen arbeitsmarktpolitischen Zwang machen will, greift nicht nur in die Lebensgestaltung von Millionen Menschen ein, sondern stellt auch die Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft in Frage: nämlich, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören“, so Goldschmidt. Ein besonders fragwürdiger Aspekt: Die geplante Regulierung würde neue Bürokratie schaffen. „Wer zwischen legitimer und nicht-legitimer Teilzeit unterscheiden will, braucht Prüfstrukturen – mit entsprechenden Eingriffen in die Privatsphäre. Will die MIT wirklich eine Behörde schaffen, die darüber entscheidet, ob etwa eine alleinerziehende Mutter genug Gründe hat, weniger zu arbeiten?“, fragt Goldschmidt.

Ganz grundsätzlich ist das Anliegen, die Menschen zu mehr Arbeit bewegen zu wollen nachvollziehbar und angesichts des demographischen Wandels auch ökonomisch sinnvoll. Es ist vielmehr die Argumentation der MIT, die ökonomisch und ethisch wenig sinnvoll erscheint. Die MIT argumentiert, Teilzeitbeschäftigte würden die Sozialversicherungssysteme ungerecht belasten. Für Goldschmidt verkennt dies das zum einen das Wesen des solidarischen Modells: „Unsere Sozialversicherungen funktionieren nicht nach dem Prinzip individueller Beitragsgerechtigkeit, sondern nach dem der Leistungsfähigkeit. Wer mehr verdient, zahlt mehr – und sichert damit das Gemeinwohl. Das ist keine Schwäche, sondern Ausdruck sozialer Verantwortung.“

Zum anderen hält Goldschmidt den Vorwurf ökonomisch für nicht belegt: „Nur etwa 4 % der Rentnerinnen und Rentner beziehen Grundsicherung. Selbst wenn man alle freiwilligen Teilzeitbeschäftigten pauschal dafür verantwortlich machen wollte – was sachlich unzutreffend wäre – ist ihr Anteil an einer vermeintlichen Systemschwäche minimal.“ Die Zahl der Menschen in Mindestsicherung sei 2024 sogar weiter zurückgegangen.

Dazu kommt noch eine weitere Gerechtigkeitsdimension: Bei den Frauen arbeiten 49% und bei den Männern 12% in Teilzeit.  Wenn wir also eine große Gruppe aus der Teilzeit holen wollen, dann wäre es sinnvoll positive Anreize zu setzen, wie z. B. durch einen Ausbau der Kinderbetreuung. Viele der Teilzeitangestellten haben mit ihrer (Betreuungs-)Arbeit nämlich seit Jahrzehnten in unsere Sozialsystem eingezahlt, ohne dafür dieselben Leistungsansprüche wie durch Erwerbsarbeit zu erlangen.

Dementsprechend irritierend könne der Begriff der „Lifestyle-Teilzeit“ aufgefasst werden. Damit werde suggeriert, Teilzeit sei ein bequemes Wohlstandsphänomen – und nicht Ausdruck von Lebensrealitäten, in denen Erwerbsarbeit, Familienverantwortung und persönliche Entwicklung zusammengebracht werden müsse müssen.

Hinzu komme ein demokratiepolitisches Problem: „In der Sozialen Marktwirtschaft gestalten Menschen ihr Leben eigenverantwortlich. Wer versucht, gesellschaftliche Krisen durch Eingriffe in individuelle Lebensentscheidungen zu lösen, schwächt das Fundament unserer freiheitlichen Ordnung. Davon kann ich in diesen Zeiten nur dringend abraten.“