An-Institut der Stiftung Weltethos
an der Universität Tübingen

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Weltethos und die Wissenschaften – unser Jahresthema 2022

Forschen – Einordnen – Beraten

Die Corona-Pandemie hat die Bedeutung der Wissenschaften in ein neues Licht gerückt. Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie viel wir wissenschaftlichen Erkenntnissen verdanken. Es zeigte sich aber auch, dass viele Menschen von wissenschaftlichen Diskursen nicht erreicht werden. Manche sagen sogar, dass sogenannte Infodemien durch Fehl- und Desinformationen das gesellschaftliche Klima zusätzlich belasten, so dass unter dem Vorwand der “Wissenschaftlichkeit“ ideologische Behauptungen und unbegründete Ängste die Runde machen.

Die Verbreitung zuverlässiger, evidenzbasierter Informationen sei daher eine Aufgabe für alle, eine „gesamtgesellschaftliche Verantwortung“, schreibt die WHO. Doch wie ist diesem Anspruch in der Breite der Gesellschaft nachzukommen? Gerade auch, wenn immer wieder vorkommt, dass sich hinter vermeintlich „wissenschaftlich fundierten Weltanschauungen“ totalitäre Ansprüche oder Diskursverweigerungen verbergen?

Wie kann der Dialog zwischen Wissenschaft und Demokratie unter den Bedingungen der Pluralität gelingen? Und welches Verhältnis besteht zwischen Politik und Wissenschaft oder Ethik und Wissenschaft? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen und Wege in verantwortete und verantwortliche Wissenschaft zu diskutieren, haben wir für 2022 das Jahresthema „Weltethos und die Wissenschaften“ gewählt. Dabei stellen wir die Aspekte „Forschen“, „Einordnen“ und „Beraten“ in den Vordergrund, nicht nur für den Bereich der Medizin und Gesundheitswissenschaften, sondern auch für Technik- und Naturwissenschaften, Sozial- und Geisteswissenschaften.

Forschen: Die Wissenschaften sind in erster Linie ihrem Erkenntnisinteresse verpflichtet. Sie sind, nach dem Grundgesetz Artikel 5 frei in Forschung und Lehre. Für diese Freiheiten übernehmen Wissenschaffende in ihrer Arbeitsweise und hinsichtlich ihrer Forschungsprojekte Verantwortung. Sie sind aber auch gegenüber der Gesellschaft zur Rechenschaft verpflichtet. Eine große Aufgabe besteht darin, klar zu benennen mit welchem Wissenschaftsethos diese Rolle im 21. Jahrhundert ausgefüllt und wahrgenommen werden soll. Außerdem müssen wir besser verstehen, wie Erkenntnisse der wissenschaftlichen Arbeit und Forschung wirksam werden können.

Einordnen: In hochkomplexen und vielschichtigen Informationslagen, sollen Wissenschaffende Orientierung bieten und Fakten ins Verhältnis setzen. Doch nicht erst seit Bewegungen wie #ScientistsforFuture wird Wissenschaft im Spannungsverhältnis zwischen Wertneutralität und Wertorientierung, zwischen Objektivitätsanspruch und Aktivismus diskutiert. Welche Art von Wissenschaft ist diese „engagierte“, also moralisch motivierte Wissenschaft? Wie ergebnisoffen und innovativ, wie seriös und neutral kann eine solche Wissenschaft sein, die ihre eigenen weltanschaulichen Grundlagen und Grundfragen reflektiert? Diese Fragen stellt sich das Weltethos-Institut mit besonderer Dringlichkeit, da es eine Einrichtung der Universität Tübingen ist, sich also den Standards wissenschaftlicher Forschung und Lehre verpflichtet fühlt, andererseits aber auch eine normative Grundlage hat. Denn ausgehend von der Weltethos-Idee Hans Küngs behandeln wir am Weltethos-Institut wirtschafts- und unternehmensethische Fragen in globaler Perspektive ­– auch, um für die Praxis wertvolle Orientierung zu bieten.

Beraten: Nicht nur im Zeitalter von „Postfaktizität“ und „Infodemien“ gerät auch beratende Wissenschaft immer wieder ins Visier. Berichte über Auftragsforschung und manipulierte Studien haben dem Vorschub geleistet. Im Zentrum der Kritik steht dabei der Wunsch nach Verlässlichkeit wissenschaftlicher Ergebnisse. Doch steht dies nicht im Widerspruch zu einer für wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt unabdingbaren Fehler- und Streitkultur? Daran schließen sich gleich mehrere Fragen an: Welche Rolle darf und soll die Wissenschaft in der politischer und unternehmerischer Entscheidungsfindung einnehmen? Können wissenschaftliche Prognosen und Szenarios die Zukunft vorhersagen? Wie steht es um die Fehlerkultur im Wissenschaftsbetrieb selbst? Können bzw. sollen einzelne Gruppen „die Wissenschaften“ zur Unterstützung ihrer Argumente oder Forderungen in Anspruch nehmen?

Dies alles wollen wir im Rahmen unseres Jahresthemas gemeinsam mit Ihnen in Vorlesungsreihen, Veranstaltungen und Gesprächen mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutieren.


Text: Anna Tomfeah, Dr. Bernd Villhauer

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