Wie gelingt gesellschaftlicher Wandel – durch klare Ansagen und moralische Appelle oder durch geduldige Arbeit an Strukturen und Kompromissen? Diese Frage stand im Zentrum der Auftaktveranstaltung der neuen Reihe „Anständig wirtschaften“ am 11. September am Weltethos-Institut. Unter dem Titel „Große Geste oder kleine Schritte?“ diskutierten der Soziologe Armin Nassehi und der Ökonom Nils Goldschmidt auf Grundlage von Nassehis Buch „Kritik der großen Geste“ – ein Abend, der zeigte, wie dringend diese Frage gerade jetzt gestellt werden muss.
Deutschland steckt seit Jahren wirtschaftlich in der Stagnation: Nach Jahren schwachen oder negativen Wachstums rechnen Wirtschaftsforschungsinstitute für 2026 bestenfalls mit einem moderaten Plus, während hohe Energiekosten, drückende Bürokratie, ein spürbarer Fachkräftemangel und der Umbau ganzer Industriezweige den Standort belasten. Gleichzeitig ringt die Politik um genau jene „großen“ Reformen, die Goldschmidt und Nassehi an diesem Abend diskutierten: Die geplante Rentenreform, die Wohnkostenkrise vieler Mieterhaushalte oder die Frage, wie der industrielle Kern des Landes modernisiert werden kann, ohne soziale Verwerfungen zu erzeugen, sind längst keine abstrakten Fachdebatten mehr, sondern bestimmen den Alltag vieler Menschen.
Armin Nassehi, Vizepräsident der LMU München und Mitglied im Deutschen Ethikrat, vertritt in „Kritik der großen Geste“ eine nüchterne, mitunter unbequeme Position: Wer glaube, Gesellschaft lasse sich allein durch moralische Appelle und radikale Forderungen umbauen, unterliege einer Illusion. Gesellschaftliche Systeme folgten eigenen Logiken – wer sie verändern wolle, müsse diese Strukturen verstehen und mit ihnen arbeiten, nicht gegen sie.
Nils Goldschmidt, Direktor des Weltethos-Instituts und ebenfalls Mitglied im Deutschen Ethikrat, würdigte das Buch seines Kollegen als Rezensent – kritisch und mit eigener fachlicher Perspektive. Insbesondere die Frage, wie nachhaltige Kompromisse praktisch gelingen können, sei aus seiner Sicht als Ökonom im Buch noch nicht ausreichend beantwortet worden. Das Thema treibt Goldschmidt nicht erst seit seinem eigenen, jüngst erschienenen Buch „Kompromisse. Warum die Wahrheit uns nicht retten wird“ um – ein Werk, das inhaltliche Nähe zu Nassehis Thesen aufweist.
Im Kern teilte Goldschmidt jedoch Nassehis Diagnose: Menschen dürften nicht in ihren jeweiligen Denk-, Fach- und Systemlogiken verharren, sondern müssten sich für Vermittlungs- und Austauschprozesse öffnen. Dafür brauche es die Fähigkeit zu Dialog und zur echten Begegnung mit anderen Perspektiven. Als Beispiel wählte Goldschmidt die Rentenreform – aktuell eines der zentralen politischen Vorhaben in Berlin: „Die beste Rentenreform bringt gar nichts, wenn die Menschen es nicht akzeptieren. Und das bedeutet, ich muss tatsächlich mit dem Menschen ins Gespräch kommen. Das bedeutet aber auch, dass ich mich hinterfragen muss, ob ich vielleicht die Art und Weise, wie ich auf die Welt schaue, möglicherweise auch mal nicht die richtige Art und Weise ist.“
Nassehi ergänzte, dass sich dieses Prinzip auch in der Wissenschaft zeige: Kompetenz habe eigentlich immer damit zu tun, einen Perspektivwechsel zu vollziehen – nicht im Sinne von „Die sollen immer mit mir in einem Raum sitzen, damit ich Ihnen sagen kann, wie es geht“, sondern im Sinne von: „Ich will mit denen in einem Raum sitzen, weil sich meine Sätze dabei ändern.“
Einig waren sich beide Gesprächspartner darin, wie zentral dabei die richtige Haltung ist: nicht belehren, nicht bekehren, niemanden zum Konsens zwingen wollen. Zugleich betonten beide, dass diese Gesprächsbereitschaft nicht grenzenlos sein kann. Bei menschenverachtenden oder faktenverdrehenden Gesprächspartnern könne der Gesprächsabbruch beziehungsweise, wie Goldschmidt es nannte, die „Diskursentsagung“, durchaus eine legitime Lösung sein.
Moderiert wurde der Abend von Dr. Bernd Villhauer, der in seiner gewohnt launigen und zugleich informationsdichten Begrüßung auf die Überschneidungen zwischen den beiden Ethikratsmitgliedern einging, bevor er das Gespräch im weiteren Verlauf auch für das Publikum öffnete. Rund 100 Gäste waren gekommen und nutzten im Anschluss bei Snacks und Getränken die Gelegenheit zum Austausch. Für die literarische Versorgung sorgte ein Büchertisch der Buchhandlung Osiander, die als Kooperationspartner vor Ort war.
Mit diesem Auftakt hat die neue Reihe „Anständig wirtschaften“, die populäre Bücher zu Fragen verantwortlichen Wirtschaftens und Zusammenlebens in den Mittelpunkt stellt, einen Ton gesetzt, der programmatisch sein dürfte: Statt einfacher Antworten ein ernsthaftes Ringen um die Frage, wie Wandel in einer komplexen, unter Druck stehenden Gesellschaft tatsächlich gelingen kann – jenseits von großer Geste und Kleinmut gleichermaßen.
Fotos: Weltethos-Institut / Laura Winter
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