Am 11. September vor fünfundzwanzig Jahren, an einem klaren Dienstagmorgen mit heiterem und blauen Himmel, ermordeten 19 Terroristen von al-Qaida fast dreitausend Menschen. Familien verloren Angehörige, Kinder ihre Eltern, Freundinnen und Freunde vertraute Menschen. Sie stammten aus mehr als neunzig Ländern, gehörten allen großen Religionen an, unter ihnen waren auch viele Muslime. Wer an diesen Tag erinnert, erinnert zuerst an die Toten, die Verletzten, die Familien, die seither mit einem schmerzhaften Verlust leben – ein leerer Platz am Abendbrottisch, ein fehlendes Gesicht auf den Familienfotos. Wer damals alt genug war, weiß heute noch genau, wo er stand, als die Bilder aus New York, Washington und Pennsylvania die Welt erschütterten. Ein Vierteljahrhundert später treibt mich aber weniger die Frage um, was damals geschah, sondern vielmehr, was seitdem aus uns geworden ist.
Der Terror des 11. September hat unseren offenen Gesellschaften Angst eingejagt und tiefes Misstrauen gesät. Er richtete sich nicht nur gegen Menschen und Gebäude, sondern auch gegen das Vertrauen, dass Menschen verschiedener Herkunft, Religion und Überzeugung frei zusammenleben können. Innere und äußere Sicherheit bleiben notwendig: Ein Staat muss seine Bürgerinnen und Bürger schützen. Aber Sicherheitsmaßnahmen allein erneuern nicht das Vertrauen, von dem eine freie Gesellschaft lebt. Diese Aufgabe bleibt uns dauerhaft gestellt:
Wie gehen wir menschlich miteinander um, wenn die Welt uns Angst macht?
Zuerst und vor allem wurden an diesem Tag Menschen ermordet; nichts kann dieses konkrete Leid und das Gedenken an die Opfer überdecken. Der Anschlag galt aber auch der Art, wie wir zusammenleben – dem alltäglichen Vertrauen, dass Menschen in friedlicher Vielfalt zusammenleben können.
Die islamistischen Terroristen handelten aus einem geschlossenen Weltbild, das keinen Zweifel, keinen Widerspruch und kein Gespräch zulässt. Es ging ihnen nicht nur um die Erschütterung militärischer und wirtschaftlicher Macht, sondern sie wollten das unspektakuläre, friedliche Zusammenleben von Menschen unmöglich machen. Denn nichts widerlegt ja ein dogmatisches Weltbild gründlicher als Menschen, die es im Alltag einfach ignorieren, indem sie friedlich miteinander auskommen.
Terror beginnt mit physischer Gewalt, aber sein eigentliches Ziel ist das Misstrauen: Er will erreichen, dass wir einander fortan wachsamer, kälter und vorsichtiger begegnen. Er will uns nach Herkunft und Glauben sortieren. Ob ihm das gelingt, entscheiden jedoch nicht die Täter von damals. Das entscheiden wir heute.
In einer unübersichtlichen Welt verspricht Misstrauen schnellen Schutz vor Enttäuschungen. Wer der Welt misstraut, so das Versprechen, kann nicht mehr überrascht werden. Das macht das Misstrauen so attraktiv: Es teilt die Welt sauber auf in ein „Wir“ und „Die anderen“. Solche Feindbilder versprechen einfache Orientierung. Aber sie machen unser Leben nicht sicherer, sondern ängstlicher und ärmer. Und sie liefern dem Terror genau den Erfolg, die gesellschaftliche Spaltung, auf die seine Strategie von Anfang an ausgelegt war.
Seit 2001 ist viel für unsere innere und äußere Sicherheit getan worden. Aber zur ehrlichen Selbstkritik gehört, dass wir uns eingestehen: Das Denken in Freund und Feind, die Polarisierung der Gefühle ist in unserem Zusammenleben angekommen. Das vergiftet unsere Debatten und schwächt unsere Demokratien von innen heraus. Eine freie Gesellschaft lebt vom Vertrauen ihrer Bürgerinnen und Bürger. Und das sollte unser eigener Maßstab bleiben. Wir haben gelernt, uns gegen Bedrohungen zu panzern. Nun müssen wir aufpassen, nicht in der eigenen Rüstung zu erstarren.
Hoffnung ist kein naiver Optimismus, sondern die gut begründbare, ja sogar: die wehrhafte Weigerung, der Angst das letzte Wort zu überlassen. Hoffnung braucht
Wer Hoffnung begründen will, darf deshalb nicht wegschauen und ignorieren, dass es Menschen gibt, mit denen kein Gespräch möglich ist, weil sie jeden Dialog verachten; und eine wehrhafte Gesellschaft muss sich vor denen schützen. Aber wir dürfen die wenigen, die zerstören wollen, niemals mit den vielen verwechseln, die in Frieden leben wollen. Hoffnung rechnet damit, dass es anders kommen kann, als die Angst uns ständig einredet. Und sie hat handfeste Beweise: jenseits schlechter Nachrichten zeigt sich vertrauensvolles Miteinander in Schulen, Betrieben, Vereinen und Nachbarschaften. Überall dort ist klar, dass Verschiedenheit kein Sicherheitsrisiko ist, sondern bereichern kann.
Auf die Frage, wie wir Hoffnung begründen, gibt es eine Antwort aus Tübingen. Schon 1990 – elf Jahre vor den Anschlägen – warnte der Tübinger Theologe Hans Küng in seiner Programmschrift „Projekt Weltethos“ vor genau jener Spirale aus Angst und Abschottung, die der 11. September später auslösen sollte. Seine Idee ist bis heute die knappste Formel dafür, warum Sicherheit ohne Verständigung nicht ausreicht:
1993 verdichtete er diese Idee zur „Erklärung zum Weltethos“, die das Parlament der Weltreligionen in Chicago verabschiedete – Vertreter nahezu aller großen Glaubensrichtungen einigten sich dort erstmals gemeinsam auf einen elementaren ethischen Grundkonsens: Menschlichkeit, die Goldene Regel, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, und vier Weisungen zu Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Partnerschaft.
Knapp zwei Monate nach den Anschlägen, am 9. November 2001, weigerte sich Hans Küng als Redner vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York, ein paar Straßenblöcke nördlich der Ruinen des World Trade Centers, den Terror zum Beweis eines unausweichlichen „Kampfes der Kulturen“ zu erklären. Auf Einladung des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan hielt Küng der Weltgemeinschaft eine „realistische Hoffnungsvision“ des Zusammenlebens entgegen – gestützt auf jenen Grundkonsens, den er acht Jahre zuvor in Chicago mitverhandelt hatte.
Und 2003 kam Kofi Annan nach Tübingen, um diese Vision in seiner eigenen Weltethos-Rede zu bekräftigen.
Bis heute lebt in Tübingen die Idee der Verständigung durch Dialog fort – so in den Lokalen Räten der Religionen der Stiftung Weltethos, aber auch in den Stakeholder-Dialogen, die unser Weltethos-Institut für Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft veranstaltet. Verständigung ermöglicht Veränderung: Denn nur wer miteinander spricht, kann auch gemeinsam handeln.
Photos: Ulrich Metz (3 x), UN Archives (1x)
Vertrauen ist keine Stimmung, die uns manchmal überkommt, durchflutet und dann wieder verlässt. Sondern Vertrauen ist eine soziale Praxis, und alles, was Praxis ist, kann man aktiv üben. Das beginnt im Kleinen, fast Unscheinbaren:
Das mag angesichts der historischen Wucht und der anhaltenden Erschütterungen des 11. September bescheiden klingen. Aber genau dieses Handeln trifft den Kern des Terrors an seiner empfindlichsten Stelle: Jede Begegnung, in der Menschen einander nicht auf identitäre Merkmale wie Herkunft, Religion oder Überzeugung reduzieren, ist eine kleine, aber reale und wirksame Niederlage für alle, die auf Hass und Spaltung setzen.
So bleiben wir menschlich, wenn die Welt uns Angst macht: Indem wir einander durch unser tägliches Handeln konkrete Gründe zum Vertrauen geben. Ob Angst und Misstrauen am Ende stärker sind als Vertrauen und Menschlichkeit, entscheiden nicht die Täter von damals.Diese Entscheidung fällt jeden Tag neu – im Alltag und am Arbeitsplatz. Das entscheiden wir allein.
Dr. Gohl ist der Geschäftsführer des Weltethos-Instituts. Er forscht und lehrt seit 2012 am Weltethos-Institut an der Uni Tübingen zur Entstehung und Wirkung von Werten, zur Ethik in Unternehmen und Wirtschaft und zur lernenden Demokratie.
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