Faire Fonds und urgewald decken auf: Nur jeder fünfte Fonds „ohne Kontroversen“
Die Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Facing Finance und urgewald haben am 19.05.2022 ein weiteres Update des frei zugänglichen Verbraucherportals Faire Fonds und einen hierauf basierenden Nachhaltigkeitscheck von Investmentfonds veröffentlicht. Das Portal bewertet nun insgesamt 2.163 in Deutschland zugelassene Publikumsfonds, unter anderem Eigen- und Fremdfonds der vier größten deutschen Fondsgesellschaften Allianz Global Investors, Deka, DWS und Union Investment.
Von den 2.163 untersuchten Fonds werden knapp die Hälfte (1.081) von der Datenbank „Lipper for Investment Management“ (Refinitiv) und/oder dem Forum Nachhaltige Geldanlagen über sein Siegel als „Nachhaltigkeitsfonds“ gelabelt (im Folgenden: „ESG-Fonds“)1. Unter den 2.163 analysierten Fonds sind 702 ETF-Produkte (davon wiederum 203 als „ESG“ von Lipper gelabelt) sowie 33 „Stiftungsfonds“.
Im Vergleich zum letzten Update von Faire Fonds im Dezember 2021 erfolgte die Analyse der Fondsportfolios nun auf Basis einer erweiterten Liste von 1.133 kontroversen Unternehmen2. In Ergänzung zu den schon vorher genutzten Quellen zur Identifizierung von kontroversen Unternehmen3 ist nun die urgewald-Datenbank Global Oil & Gas Exit List (GOGEL) in diesem Update neu hinzugekommen. Sie ist weltweit die erste öffentliche, umfangreiche Datenbank zu Unternehmen aus der Öl- und Gasindustrie4. 414 der GOGEL-Unternehmen aus dem Upstream- und Midstream-Bereich, deren Aktien und Anleihen handelbar sind, werden nun durch Faire Fonds in den Portfolios der untersuchten Fonds markiert.
Der aktuelle Faire Fonds-Nachhaltigkeitscheck zeigt insgesamt:
Eine genauere Analyse der „ESG-Fonds“ zeigt:
„Gerade ETFs mit ESG-Label erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit bei Verbraucher*innen, zeigen aber zugleich mit die höchste Belastung mit Kontroversen in unseren Analysen,“ erläutert Thomas Küchenmeister von der NGO Facing Finance, die das Verbraucherportal Faire Fonds 2019 gestartet hatte. „Wenn z.B. der Fokus auf Klima oder Kreislaufwirtschaft gelegt wird, werden andere Themen wie Menschenrechte oft ausgeblendet.“ Er fügt hinzu: „Wir stellen speziell mit Blick auf Menschenrechte fest, dass viele, auch als nachhaltig klassifizierte Fonds und speziell ETFs in Rüstungsunternehmen investieren, was aber Verbraucher laut Umfragen weiterhin mehrheitlich ablehnen. Der Ukraine-Krieg könnte jetzt eine weitere undifferenzierte ESG-Integration von Rüstungsunternehmen durch die Fondsbranche vorantreiben. Dies wäre absurd: Rüstung hat nie, in keinem Szenario, einen Platz in nachhaltigen Investments.“
Die Faire Fonds-Datenbank weist Rüstungsinvestment von 470 der 1.081 (43%) als nachhaltig klassifizierten „ESG-Fonds“ aus. Zudem gilt dies für 475 von insgesamt 702 (68%) analysierten ETFs (mit und ohne ESG-Klassifizierung). Zuletzt hatte der Wirtschaftsinformationsdienst Bloomberg veröffentlicht, dass schon jetzt in Artikel 8-Fonds etwa 3,5 Milliarden US-Dollar an Investitionen in Rüstungsunternehmen geparkt sind7.
„Die Integration der beiden urgewald-Datenbanken zu fossilen Unternehmen als Quellen bei Faire Fonds macht sich auch in den Ergebnissen unserer Analyse bemerkbar: insbesondere Energie- und (andere) Rohstofffonds weisen Anbieter- und Typ-übergreifend natürlich jetzt eine entsprechend hohe Belastung auf“, erklärt Julia Dubslaff von urgewald. „Einerseits ist erfreulich, dass die dreckigsten Kohle-, Öl- und Gasunternehmen aus China hauptsächlich in entsprechenden Emerging Markets oder Länderfonds auftauchen. Auffällig ist aber die Beliebtheit der großen europäischen Energiekonzerne wie TotalEnergies und anderen bei den Fonds auf dem deutschen Markt.“ Sie fügt hinzu: „Während die World Meteorological Organization (WMO) jüngst gewarnt hat8, dass schon in den kommenden fünf Jahren eine globale Temperatursteigerung von 1,5 Grad möglich ist, setzen Investoren bzw. die Fondsanbieter immer noch auf fossile Energieträger, die größten Treiber der Klimakrise. Selbst die Internationale Energieagentur hat klar gesagt, dass keine neuen fossilen Quellen mehr ab sofort erschlossen werden dürfen. Aber nach urgewald-Recherchen expandieren immer noch über 95% der weltweiten Upstream-Öl- & -Gasunternehmen und 49% der Kohleunternehmen9. Spätestens hier, bei dem Thema Expansion, müssen Fondsanbieter glasklare Ausschlusskriterien formulieren und sich nicht hinter Engagement und ‚Transformationsbegleitung“ verstecken. Wir fordern die Fondsbranche auch eindringlich dazu auf, Erdgas trotz Aufnahme in die EU-Taxonomie kategorisch zu meiden.“ 10
Top 10 der belasteten Fonds
Top 10 der belasteten „ESG“-Fonds
Fußnoten:1 Erst seit diesem Jahr hat Refinitiv Lipper die neuen “Responsible Investment Attributes” auf Fondslevel eingeführt. Kategorien (mit jeweils mehreren Sub-Attributen) sind ESG, SRI, Positive/Negative Screening, Impact Investing und Religion: Lipper Responsible Investing Attributes: Negative Screening Funds Draw Largest Flows Over Trailing 12 Months | Lipper Alpha Insight | Refintiv (refinitiv.com) – (Hinweis: genaue Methodik muss bei Refinitiv angefragt werden).Zudem: 251 der durch Faire Fonds untersuchten Fonds tragen das Gütesiegel vom Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG).2 Als Kategorien für Kontroversen führt Faire Fonds: Klimawandel, Umweltzerstörung, Arbeitsrechte, Menschenrechte, Rüstung, Korruption, Finanzdelikte und Anderes. Die Methodik findet sich hier: https://www.faire-fonds.info/methodik/3 In der Vergangenheit bzw. seit dem letzten Update im Dezember 2021 wurden bereits die folgenden 7 Quellen genutzt: Ausschlussliste des Norwegischen Pensionsfonds, die Zielunternehmen der Climate Action 100+ Investoren Initiative, die SIPRI TOP 100 Waffenproduzenten, der Top 25-Unternehmen des Plastic Waste Makers Index, die Corporate Human Rights Benchmark, die Global Coal Exit List (GCEL) und die Arms-Exit List. Siehe Methodik von Faire Fonds: https://www.faire-fonds.info/methodik/4 GOGEL umfasst derzeit 887 Unternehmen und bildet damit knapp 95% der weltweiten Öl- und Gasproduktion ab. Die Datenbank macht insbesondere die Öl- und Gasfirmen mit den größten Expansionsplänen sowie mit den umstrittensten Formen der Öl- und Gasförderung identifizierbar. Siehe https://gogel.org/gogel-explained5 Die Differenz zu der Gesamtsumme von ESG-Fonds (1.081) ergibt sich durch FNG-Fonds, die nicht durch Lipper (mit ESG) geführt werden und/oder Fonds die von Lipper als ESG markiert werden (siehe Hinweis Methodik in Fußnote 1), aber nicht Artikel 8 oder 9 klassifiziert sind.6 Amazon, Apple und Microsoft werden auf Basis der Einschätzung der Corporate Human Rights Benchmark wegen Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in der Lieferkette markiert.7 https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-04-10/esg-managers-skewer-ridiculous-idea-of-embracing-arms-stocks8 Laut der WMO besteht eine 50:50 Wahrscheinlichkeit, dass die globale Durchschnittstemperatur bis 2026 in mindestens einem Jahr die Marke von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau erreicht. Presseerklärung vom 09. Mai 2022: https://public.wmo.int/en/media/press-release/wmo-update-5050-chance-of-global-temperature-temporarily-reaching-15%C2%B0c-threshold9 www.gogel.org und www.coalexit.org10 https://drive.google.com/file/d/1KeBkWi_w4RXf1MonB8g0gmGctaSCIAOV/view
->Quellen:
Agentur Zukunft, bis 2008 TV-Redakteur, u.a. ARD-Korrespondent Südamerika und Chefreporter SWF, Chefkorrespondent n-tv und RTL, Mitglied der FG Finanzen und Wirtschaft des Weltethos-Instituts.
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