Der Kompromiss ist unverzichtbar: Goldschmidt veröffentlicht Essay bei Kohlhammer

TÜBINGEN, 24.08.26  – Wenn Koalitionen wochenlang um einen Kompromiss ringen, gilt das Ergebnis hinterher meist als Enttäuschung: zu zäh erkämpft, zu sehr verwässert, zu wenig Haltung. Der Wirtschaftsethiker und Theologe Prof. Dr. Nils Goldschmidt, Direktor des Weltethos-Instituts, hält diesem Reflex in seinem neuen Essay „Kompromisse. Warum die Wahrheit uns nicht retten wird“ (erscheint Ende August beim Kohlhammer Verlag) eine unbequeme These entgegen: Der Kompromiss hat kein Imageproblem, weil er zu wenig leistet – sondern weil er an den falschen Maßstäben gemessen wird.Neuer Essay des Wirtschaftsethikers Nils Goldschmidt widerspricht einer der hartnäckigsten Überzeugungen der politischen Debatte: dass am Ende entweder die Wahrheit siegen oder alle sich einig sein müssen.
Beides, so seine These, verspricht mehr, als es hält – der Kompromiss dagegen leistet mehr, als ihm zugetraut wird.

Weder Wahrheitsanspruch
noch Konsenszwang

Das Kernargument des Buches liegt in einem doppelten Gegenangriff. Goldschmidt stellt sich nicht nur gegen die Vorstellung, am Ende müsse sich die „richtige“ Wahrheit gegen alle anderen durchsetzen. Er widerspricht ebenso der gegenteiligen Erwartung, gute Politik zeige sich an möglichst breitem Konsens. Beide Ideale, so Goldschmidt, überfordern freie Gesellschaften systematisch: Der Wahrheitsanspruch verträgt keine Differenz, der Konsens verträgt keinen Streit. Der Kompromiss dagegen sei die einzige Praxis, die mit bleibender Uneinigkeit produktiv umgehen kann – nicht, weil er sich mit weniger zufriedengibt, sondern weil er als Einziger anerkennt, dass Zusammenleben unter Bedingungen dauerhafter Differenz überhaupt gelingen muss.

Die schärfste Formulierung dieser Diagnose: Nicht die Wahrheit steht dem Kompromiss im Weg, sondern der Glaube, sie bereits zu besitzen. Wer eine Verhandlungsposition als moralische Gewissheit vorträgt, hat sich vom Kompromiss bereits verabschiedet – ein Muster, das sich in aktuellen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland kaum übersehen lässt, von Haushaltsstreitigkeiten bis zu Verteilungskonflikten in der Sozial- und Klimapolitik.

Ökonomische Einsicht
trifft ethische Reflexion

Der Essay ist aus Goldschmidts Antrittsvorlesung als Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen hervorgegangen, die er im November 2025 hielt. Für die Buchfassung hat er den Text überarbeitet und an mehreren Stellen vertieft. Entstanden ist eine Argumentation, die ökonomisches Denken, philosophische Reflexion und Beobachtungen aus der politischen Praxis miteinander verbindet – getragen von der Überzeugung, dass Fragen des guten Lebens und Fragen gesell-schaftlicher Ordnung untrennbar zusammengehören.

Das macht das Buch auch jenseits akademischer Debatten anschlussfähig: Goldschmidt liefert kein Plädoyer für Beliebig-keit oder faule Kompromisse, sondern eine Gegenrechnung zu zwei Erwartungen, die politische Prozesse derzeit gleicher-maßen belasten – dem Ruf nach klarer „Wahrheit“ ebenso wie dem Ruf nach möglichst breitem Konsens. Für alle, die gesellschaftliche Polarisierung fürchten, die im Bereich der Wirtschaftspolitik um den besten Weg ringen oder darüber nachdenken, liefert der Essay damit eine griffige Gegenthese zu einer Debatte, die Kompromissfähigkeit meist als Mangel und selten als eigenständige Leistung verhandelt.

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