Eine Rezension von „Anständig wirtschaften“

Im Weltethos-Institut bietet die „Hans Küng Bibliothek für Wirtschaft und Ethik“ nicht nur einen gemütlichen Lesesessel und eine ruhige Atmosphäre – hier finden sich auch viele inspirierende und motivierende Bücher, die gelesen werden wollen. Altes und Neues, Umfangreiches und Schmales; die strenge Wissenschaft steht neben dem luftig-leichten Essay. Alle Menschen, die einen neuen Blick auf Wirtschaft, Ethik und Gesellschaft werfen wollen, sind hier willkommen.

Um neugierig zu machen und einzuladen, stellen wir ab heute regelmäßig interessante Bände vor – natürlich mit ein bisschen Stolz, was wir alles zu bieten haben, vor allem aber mit dem Wunsch, ins Gespräch zu kommen und neue Gedanken anzustiften. Irritation und Inspiration können dabei gerne zusammenkommen.

Heute wollen wir beginnen mit einem Klassiker unseres geistigen Grundstocks, einem Werk von Hans Küng selbst, nämlich dem 2010 zum ersten Mal im Münchner Piper-Verlag erschienenen „Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht“.

Vor diesem Buch muss niemand Angst haben. Es ist flüssig und lesbar geschrieben, schön strukturiert und ein populäres Übersichtswerk im besten Sinne. Gleich vorneweg: die wichtigste These in Küngs Buch lautet, dass nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg, sozialer Frieden und globale Gerechtigkeit ohne ein moralisches Fundament kaum möglich sind.

Küng denkt den wirtschaftenden Menschen nicht getrennt vom sozialen, politischen oder moralischen Wesen Mensch, sondern legt einen Vorschlag vor, Wirtschaft und Wirtschaftsethik so neu zu fassen, dass alle Aspekte des Menschlichen umfasst werden.

Dabei stellt er folgende gliedernden Kernfragen in den Vordergrund:

  • Wie können wir Wirtschaft und Ethik zusammen bringen ohne dass das eine das andere schädigt?
  • Warum taumeln wir von Krise zu Krise – und was hat eine falsche Führungskultur damit zu tun?
  • Wie könnte eine bessere Praxis aussehen?
Für ihn ist die Menschlichkeit das oberste Gebot: Wirtschaft muss immer dem Menschen dienen und nicht etwa der Mensch der Wirtschaft. Um das umzusetzen kommt die „Goldene Regel“ ins Spiel: es ist schon viel gewonnen, wenn wir fair miteinander umgehen und den anderen so behandeln wie wir auch selbst behandelt werden wollen. Neben dieser Grundregel können wir für eine globale Wirtschaft verbindende Wertesysteme finden, die Konflikte vermeiden und (in ökonomischer Terminologie) Transaktionskosten verringern.
Küng_Anständig wirtschaften

Ein Buch der Stunde
unzeitgemäß, unbeugsam, und unbeirrt

Davon sind wir aber noch weit entfernt. Küng hält mit seiner scharfen Kritik an den bestehenden Verhältnissen nicht hinterm Berg: die Unfähigkeit und Korruptheit vieler Eliten, die katastrophalen ökologischen und sozialen Fehlentwicklungen, die obszöne Ungleichverteilung des materiellen Vermögens – einige Passagen im Buch lesen sich wie ein Empörungskatalog von attac. Aber Küng wäre nicht Küng, wenn er nicht glaubwürdig und souverän in die Kurve zu einem klugen und ausgewogenen neuen Wirtschaftsverständnis einbiegen würde: weder die Marktideologen noch die Staatideologen finden seinen Beifall. Balanciertheit und sachliche Gelassenheit kennzeichnen das Buch. Es ist kein Pamphlet, sondern ein Aufruf zu Maß, Mitte und Mut, die realen Problem mit realistischen Programmen anzugehen.

Am Ende des Bandes findet sich das Manifest „Globales Wirtschaftsethos – Konsequenzen für die Weltwirtschaft“. Heute wirkt dieses Manifest mit seinem Optimismus, die Führungskräfte könnten sich auf ein neues humanistisches Grundverständnis der Ökonomie einigen, mit seiner „Trickle-down“-Moral etwas aus der Zeit gefallen. Wenn aktuell die neuen Tech-Fürsten die Welt mit Disruptionen und Verblödungsalgorithmen überziehen, wenn die wichtigste Frage der Gegenwart, nämlich die Umwelt- und Klimafrage, völlig aus dem Blick gerät, wenn KI freies und selbstkritisches Denken ersetzt, dann könnte „Anständig wirtschaften“ wie ein Blick in eine bessere Zeit mit größeren Hoffnungen wirken.

Aber ein zweiter Blick hilft. Es ist ein Buch der Stunde: unzeitgemäß, unbeugsam und unbeirrt. Aus dem Abstand von nunmehr 16 Jahren ruft uns Hans Küng zu: Lasst Euch nicht klein machen! – Ihr könnte es schaffen, dieser Wirtschaftswelt Züge der Anständigkeit und Güte zu verschaffen. Nicht zufällig ist daher „Anständig wirtschaften“ zu einem Leitbild für das Weltethos-Institut geworden.

Über den Autor:

Bernd Villhauer

Bernd Villhauer beschäftigt sich als Senior Advisor Finance des Weltethos-Instituts mit Ethik & Finanzen. Von Januar 2015 bis April 2025 war er Geschäftsführer des Weltethos-Instituts. Geboren 1966, studierte er nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann Philosophie, Altertumswissenschaft und Kunstgeschichte an den Universitäten Freiburg i. Brsg., Jena und Hull (UK).

villhauer@weltethos-institut.org