Wie in Tübingen, so ist auch im Rest der Welt der Marktplatz zugleich ein Ort demokratischer Begegnung und wirtschaftlicher Versorgung. Fremde Menschen kommen als freie und gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zusammen. Sie tauschen sich offen über gemeinsame Probleme aus, damit sie auch in Zukunft friedlich zusammen leben. Und sie tauschen Geld und Güter, um gut leben zu können. So entsteht Öffentlichkeit: Ein Raum, in dem wir uns friedlich und produktiv koordinieren.
Öffentlichkeiten sind aber eine erstaunlich voraussetzungsreiche Kulturleistung. Von Jürgen Habermas und den Sozialwissenschaften lernen wir, dass es dafür Kultivierungsorte braucht – darunter Tageszeitungen wie das Schwäbische Tagblatt, Schulen und Universitäten, Parteien und Gewerkschaften. Dass wir uns vor zwei, drei Jahrzehnten von den Anfängen des Internets einen weltweit friedlichen Austausch erhofft haben, erscheint aus heutiger Sicht völlig naiv. Heute stellen wir fest, dass digitale Plattformen nicht nur eine entscheidende Infrastruktur der Öffentlichkeit geworden sind, sondern dass sie von Akteuren bewirtschaftet werden, die ihr Geld mit Erregung und Kontrolle verdienen. Geschäftsmodelle der Polarisierung attackieren und untergraben aber die Bürgerschaft der Freien und Gleichen.
Wie Dr. Christopher Gohl zeigen wird, kann man diese Dynamiken auch in Tübingen beobachten und mit Bernhard Pörksen als „große Gereiztheit“ verstehen. Gohl verbindet seine Analyse mit Hoffnung: Was Menschenwerk ist, können Menschen auch ändern. Und das Studium Generale ist ein geradezu klassischer Ort, damit anzufangen. Wir eröffnen damit unsere Reihe, fragen uns und diskutieren mit ihm:
Unsere Vorlesung „Medien, Macht und Menschlichkeit“ im Rahmen des Studium Generale der Universität Tübingen – ab April immer dienstags im Kupferbau.
Medien waren noch nie neutral: Sie sind politischer Machtfaktor, wirtschaftlicher Marktplatz und kultureller Mitgestalter unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie sind zugleich Gegenstand, Spiegel und Akteur kultureller und politischer Verhältnisse. Derzeit verändert sich unsere Medienlandschaft unter dem Einfluss der Digitalisierung rasant. Digitale Plattformen steuern Informationsflüsse, prägen soziale Beziehungen, verändern Geschäftsmodelle und beeinflussen die Dynamik öffentlicher Debatten.
Algorithmen, Plattformmonopole und KI-generierte Inhalte bestimmen zunehmend, welche Themen sichtbar werden, welchen Stimmen Gehör bekommen oder welche Perspektiven am Rande der Wahrnehmung bleiben. Neue digitale Gewohnheiten und Abhängigkeiten setzen dabei nicht nur Medienschaffende und ihr journalistisches Ethos unter Druck, sondern wirken auf uns alle.
Umso wichtiger ist es, die Rolle der Medien und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft zu verstehen.
Wir laden dazu ein, gemeinsam zu reflektieren:
Prof. Dr. Martina Thiele, Institut für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen
Prof. Dr. Jessica Heesen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Universität Tübingen
Prof. Dr. Tanja Thomas,Institut für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen
Prof. Dr. Petra Grimm, Hochschule der Medien in Stuttgart
Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben in Baden- Württemberg
Hannah Hecker, Institut für Politikwissenschaft an Universität Tübingen
Maximilian Zhang, Institut für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen
Prof. Dr. Guido Zurstiege,Institut für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen
apl. Prof. Dr. Martin Andree,Institut für Medienkultur und Theater an der Universität Köln
Prof. Dr. Markus Huff, Leibniz-Institut für Wissensmedien, Professor für Angewandte Kognitive Psychologie an der Universität Tübingen
Dr. Gernot Stegert, Mitglied der Chefredaktion SDZ Mediengruppe Aalen
Stefanie Schneider, Landessenderdirektorin SWR
21.04.2026 - 18:15 - 19:45
Kupferbau, Universität Tübingen, Hörsaal 25
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