Wem gehört die Öffentlichkeit? Zweiter Salon „Marktwirtschaft in demokratischer Verantwortung“ 

Wenige Plattformkonzerne bestimmen, was wir sehen, wem wir zuhören und worüber wir uns empören. Der zweite Berliner Salon des Weltethos-Instituts suchte Antworten auf eine der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie schützen wir die demokratische Öffentlichkeit und unsere Kinder vor der Macht der Plattformen und ihrer Geschäftsmodelle? Über 50 Gäste aus Politik, Wirschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diskutierten grundsätzlich und kontrovers.

Unter dem Titel „Wem gehört die Öffentlichkeit? Zur Machtfrage digitaler Ordnungspolitik“ hatte Dr. Christopher Gohl als Gastgeber und Geschäftsführer des Instituts am 14. Oktober 2026 in die Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin zum gemeinsamen Gespräch eingeladen. Sein Ausgangsbefund war dringlich und unbequem: Die demokratische Öffentlichkeit ist in weiten Teilen zum Produkt der digitalisierten Medienwirtschaft geworden. Welche Inhalte sichtbar werden, legen Algorithmen fest, die auf Aufmerksamkeit und Erregung optimiert sind. Diese Regeln sind weder demokratisch legitimiert noch marktwirtschaftlich fair. Das trifft besonders junge Menschen, deren Bild von der Welt und von sich selbst zunehmend in solchen Umgebungen entsteht. Die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ hat die Regulierung von Big Tech zur sozialen Frage des 21. Jahrhunderts erklärt. Was folgt daraus für eine digitale Ordnungspolitik? Damit eröffnete er das Gespräch zwischen Nils Goldschmidt, Direktor des Weltethos-Instituts, Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Peter G. Kirchschläger, Ethiker an der Universität Luzern, und Mitgastgeberin Anna Lührmann, stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Digitales und Staatsmodernisierung.

Marktmacht ordnungspolitisch brechen
und Urteilskraft stärken

Den Auftakt machte Nils Goldschmidt mit einem ordnungspolitischen Argument. Eine Wettbewerbsordnung, die die Marktmacht der großen Plattformen bricht, sei kein Eingriff gegen die Marktwirtschaft, sondern ihre Voraussetzung. Sie könne zugleich europäischen Gesetzen und Interessen Geltung verschaffen. Ordnungspolitik allein reiche aber nicht. Goldschmidt mahnte auch eine Antwort der Bildungspolitik an. Junge Menschen müssten befähigt werden, kompetent mit KI und sogenannten sozialen Netzwerken umzugehen. Im Sinne eines humanistischen Ideals sollten sie zudem für das Besondere menschlicher Fähigkeiten sensibilisiert werden: für die Fähigkeit zur Kooperation ebenso wie für eine Kultur konstruktiven Streitens.

Eine Aufsichtsbehörde
für datenbasierte Systeme?

Über Europa hinaus blickte Peter G. Kirchschläger, Ethiker an der Universität Luzern und als Berater des Papstes und der Vereinten Nationen international erfahren. Er warnte eindringlich davor, mit der Rede von „Künstlichen Intelligenz“ die menschliche Intelligenz ins Abseits zu stellen, und warb dafür, nüchtern von „Datenbasierten Systemen“, kurz „DS“ zu sprechen. Zudem warb er für seinen Vorschlag einer International Data-Based Systems Agency (IDA). Diese Agentur bei den Vereinten Nationen soll für datenbasierte Systeme eine ähnliche Rolle übernehmen wie die Internationale Atomenergiebehörde für die Kernkraft. Gegen Geschäftsmodelle, die Menschenrechte verletzen oder Schaden anrichten, könne dann auf internationaler Ebene vorgegangen werden. Grenzüberschreitende Technologien brauchen eine grenzüberschreitende Aufsicht. Kirchschläger geht es dabei nicht um Technikfeindlichkeit: „Ziel muss sein, dass wir datenbasierte Systeme für das ethisch Erstrebenswerte nutzen und gleichzeitig das ethisch Schädliche verhindern.“

„Eines der wichtigsten Themen
unserer Zeit"

Dass Gesetze allein nicht ausreichen, betonte auch Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. Er setzt auf die Gesellschaft als Ganze: „Regulatorik ist wichtig, aber ich glaube, wir brauchen auch ein breites und überparteiliches Bündnis dazu, wie wir Desinformation begegnen können. Ich bin froh und finde wichtig, dass das Weltethos-Institut dieses Thema aufgreift. Ich halte es für eins der drängendsten Themen unserer Zeit.“ Hartung beschrieb zudem verschiedene Herausforderungen für die Medien – von Angriffen auf die Medienfreiheit bis hin zu den unfairen Wettbewerbsbedingungen gegenüber digitalen Plattformen – betont aber auch die notwendige Selbstkritik der Branche über vergangene Versäumnisse. Darüber hinaus sei es wichtig, die Nachrichtenkompetenz in der Gesellschaft zu stärken – mit ihrem Aktionslabor nach dem Konzept der „redaktionellen Gesellschaft“ des Tübinger Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen versuche seine Stiftung hier Lösungen anzubieten. Hartung lobte den beherzten und fairen Diskussionsstil des Formats und würdigte besonders die 15 Thesen des Instituts.

Die anschließende Diskussion erfolgte in drei Schritten. Zunächst diskutierte das Panel über staatliche Handlungsfähigkeit bei der Ordnung digitaler Märkte. Bei Speis und Trank kamen dann die Gäste miteinander ins Gespräch. Die Vielfalt ihrer Perspektiven wurde im abschließenden Plenum deutlich, in dem kontrovers über profitgetriebene Framings und Diskurse, das Verhältnis staatlicher Regulierung und wirtschaftlicher Innovationen, die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und die Rolle Europas bei der digitalen Ordnungspolitik diskutiert wurde. 

Der zweite Salon hat gezeigt, dass sich heute wesentlich in der digitalen Öffentlichkeit entscheidet, ob Marktwirtschaft und Demokratie einander stärken können. Die Rahmenbedingungen dafür zu setzen, vor allem in Europa, ist dringend und mit etwas Mut auch machbar. Dass die Debatte darüber beherzt und kontrovers geführt wurde, hat dem gemeinsamen Ziel nicht geschadet, sondern genützt. Viele Gäste wünschten sich ausdrücklich eine Fortsetzung der Reihe.

Aus dem Ausschuss
in den Salon

Wie dringlich all das ist, machte zum Schluss Anna Lührmann deutlich. Die Bundestagsabgeordnete kam direkt aus einer Ausschusssitzung, in der die Abgeordneten mit dem Meta-Chef für Deutschland und Europa über genau diese Fragen gesprochen hatten. Ihre Bilanz fiel klar aus: „Es kann nicht sein, dass wir die Gestaltung unserer Öffentlichkeit einigen wenigen Tech-Konzernen und, um es deutlich zu sagen, einigen wenigen Männern überlassen. Wir müssen dringend alternative Diskursräume schaffen, denen wir auch unsere Daten anvertrauen können.“

 

Weitere
Info

Marktwirtschaft und Demokratie müssen einander stärken. Diese Idee steht hinter der Salon-Reihe des Weltethos-Instituts: Friedliches Zusammenleben, anständiges Wirtschaften, Zusammenhalt und Resilienz sind eine Gemeinschaftsleistung beider. Der Auftakt im November 2025 hatte nach dem Systemvertrauen in der Krise gefragt. Der zweite Salon am 14. Oktober 2026 in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft des Deutschen Bundestages in Berlin richtete den Blick auf den Ort, an dem dieses Vertrauen entsteht oder verloren geht: die Öffentlichkeit. Ziel des Abends war es, aus ordnungspolitischer, gesellschaftlicher, internationaler und parlamentarischer Sicht auszuloten, wie sich die digitale Öffentlichkeit wieder demokratisch gestalten lässt. Zur Vorbereitung des Salons hatte das Weltethos-Institut 15 Thesen erarbeitet. 

Fotos: Weltethos-Institut / Laura Winter