Wie kann man hart, aber fair streiten, ohne dass Demokratie daran zerbricht? Dieser Frage ging Anna Tomfeah Erhardt vom Weltethos-Institut an der Universität Tübingen am 26. August in einem agonistischen Atelier auf der Utopie-Konferenz 2026 an der Leuphana Universität Lüneburg nach. Das Interesse war deutlich größer als erwartet.
Demokratische Öffentlichkeiten stecken in einem Dilemma. Wer Konflikte meidet, übersieht, dass der Streit um Werte und Perspektiven zum Kern der Demokratie gehört. Wer sie eskalieren lässt, gefährdet die Fähigkeit, angesichts existenzieller Herausforderungen gemeinsam zu handeln. Digitale Plattformen verschärfen das Problem, weil sie Empörung und Selbstbestätigung belohnen und nicht die ernsthafte Auseinandersetzung mit Andersdenkenden.
Das Atelier „Fighting for Future – Wege zu einer wohlwollenden Streitkultur“ setzte genau hier an. Erwartet wurden 50 bis 60 Personen. Tatsächlich kamen mehr als 120 Interessierte zum Vortrag, rund 70 von ihnen konnten anschließend einen Platz in der Streitschmeide ergattern.
Im Vortrag stellte Anna Tomfeah Erhardt in fünf Thesen ein Modell wohlwollender Streitkultur vor: ein Forum, in dem verständigungs- und lösungsorientiert gestritten werden kann. Das Modell ruht auf drei theoretischen Bausteinen:
In der anschließenden Streitwerkstatt wurde das Modell praktisch erprobt. Die Teilnehmenden debattierten zunächst kontrovers über vorbereitete Fragen wie „Rüstung – Sicherung oder Gefahr für Frieden?“, „Wie viel Cancel verträgt die Culture?“ oder „Klimaschutz – um welchen Preis?“. Danach folgte eine Werteklärung auf Grundlage der Weltethos-Werte. Von dort aus suchten die Gruppen nach Wegen, ihren Dissens wohlwollend und konstruktiv zu gestalten, ohne die Unterschiede einfach einzuebnen.
Die Resonanz war ausgesprochen positiv. Viele Teilnehmende sagten, sie sähen einen dringenden Bedarf, wieder mehr mit Menschen anderer Überzeugungen ins Gespräch zu kommen. Eine Teilnehmerin brachte es so auf den Punkt: „Ich streite eigentlich gar nicht gerne. Aber jetzt denke ich, dass Streit ja auch aufrichtige Begegnung und Interesse am anderen sein kann. Das brauchen wir doch heutzutage, dass wir einander wieder mehr begegnen, gerade auch wenn wir nicht einer Meinung sind.“
Das Ziel einer wohlwollenden Streitkultur ist weder Konsenszwang noch Überwältigungsrhetorik. Es geht darum, radikale Meinungspluralität anzuerkennen, das Gelernte im eigenen Alltag anzuwenden und unter Verschiedenen tatsächlich Common Ground zu finden. Die Leitfrage des Ateliers lautete: Ist wohlwollende Streitkultur eine Utopie oder eine reale Möglichkeit? Die Erfahrungen aus Lüneburg sprechen für Letzteres.
Im Wintersemester bietet Anna Tomfeah Erhardt zusammen mit Dr. Fabian Erhardt in unserem Institut ein Seminar zu diesem Thema an. Dabei im Fokus: Konflikte in Unternehmen und Organisationen.
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