An-Institut der Stiftung Weltethos
an der Universität Tübingen

First slide

Plötzlich Machtzentrum

Deutsche Börse übernimmt Mehrheit an ISS

„Die Deutsche Börse gilt als einer der langweiligsten Dax-Konzerne, jetzt übernimmt das Unternehmen passend zum Investorentag den wichtigen Anlageberater und Datenanbieter ISS – und steigt so zur globalen Macht auf“, stellt die Wirtschaftswoche am 18.11.2020 lakonisch-trocken fest. „Plötzlich Machtzentrum“ überschreibt Lukas Zdrzalek seinen Text. Mindestens ebenso lakonisch-trocken liest sich die Medienmitteilung der Frankfurter Deutsche Börse AG:

  • Die Deutsche Börse erwirbt in Partnerschaft mit dem aktuellen Management und Genstar Capital eine Mehrheitsbeteiligung an Institutional Shareholder Services (ISS), basierend auf einer Bewertung von 2.275 Millionen US-Dollar (1.925 Millionen Euro) für 100 % von ISS
  • Durch die Akquisition wird die Deutsche Börse zu einem der weltweit führenden Anbieter von ESG-Daten und Research
  • Das Daten- und Researchgeschäft von ISS ergänzt die Geschäftsaktivitäten der Deutschen Börse entlang der gesamten Wertschöpfungskette; die Übernahme eröffnet beiden Unternehmen zusätzliche Wachstumschancen
  • Um die Unabhängigkeit von Datengeschäft und Research sicherzustellen, bleibt ISS innerhalb der Deutschen Börse eigenständig
  • ISS-CEO Gary Retelny wird das Unternehmen weiterhin leiten

Die Deutsche Börse AG, Institutional Shareholder Services Inc. (ISS) und Genstar Capital LLC haben am 18.11.2020cbekannt gegeben, dass die Deutsche Börse eine Mehrheitsbeteiligung von circa 80 %  n ISS erwerben wird. Genstar Capital und das aktuelle Management von ISS werden mit circa 20 % an ISS beteiligt bleiben. Der Transaktion liegt eine Bewertung von 2.275 Millionen US-Dollar (1.925 Millionen Euro) bar- und schuldenfrei für 100 % von ISS zu Grunde. Der Abschluss der Transaktion wird für das erste Halbjahr 2021 erwartet, vorbehaltlich erforderlicher regulatorischer Freigaben.

Diese Partnerschaft ermöglicht es der Deutschen Börse und ISS gemeinsam die weltweiten Wachstumschancen zu nutzen, die sich durch den Trend zu nachhaltigen Investments bieten. Die Deutsche Börse unterstreicht mit dieser Transaktion nachdrücklich ihr Bekenntnis zu ESG als einem der wichtigsten Megatrends der Branche, der das Investitionsverhalten in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird. Mit der einzigartigen ESG- und Datenexpertise von ISS entwickelt sich die Deutsche Börse zu einem führenden globalen Anbieter von ESG-Daten.

ISS bedient mehr als 4.000 Kunden, darunter weltweit führende institutionelle Investoren, die auf die objektiven und unabhängigen Daten und Research-Lösungen für Governance und Nachhaltigkeit des Unternehmens vertrauen. Darüber hinaus unterstützt ISS Unternehmen dabei, durch Verbesserung ihrer Governance und Fokus auf ESG ihren Unternehmenswert zu steigern. Die Transaktion stärkt die Kapitalbasis von ISS und eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, organische und anorganische Wachstumsinitiativen zu beschleunigen. Gleichzeitig kann ISS von der Infrastruktur und dem internationalen Indexgeschäft der Gruppe Deutsche Börse profitieren. Nach Abschluss der Transaktion wird ISS hinsichtlich seiner Daten und Research-Angebote mit der gleichen Unabhängigkeit wie bisher operieren. Das derzeitige Führungsteam mit dem CEO Gary Retelny wird in

Die Geschäftsaktivitäten von ISS und der Deutschen Börse ergänzen einander in hohem Maße und bieten entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Gruppe Potenzial für Umsatzsynergien. So eröffnet die Partnerschaft sowohl für ISS als auch für Qontigo, als Tochterunternehmen der Deutschen Börse, mit seinen Index- und Analyticskompetenzen Wachstumschancen für ESG-Lösungen. Zu den weiteren Anknüpfungspunkten für die Zusammenarbeit gehört der Datenvertrieb von ISS, der von der führenden Position von Clearstream, dem Nachhandelsdienstleister der Deutschen Börse, in Vertriebsservices von Investmentfonds profitieren wird. Es wird erwartet, dass die Umsatzsynergien bis 2023 zu einem zusätzlichen EBITDA von 15 Millionen Euro führen. ISS eröffnet zudem einen einzigartigen Zugang zur Buyside mit über 2.000 Assetmanagern, darunter die Top 10 weltweit. Weiterhin ergänzt die starke Marktposition von ISS in den USA die führende Stellung der Deutschen Börse in Europa in hervorragender Art und Weise.

Die Transaktion ist der nächste logische Schritt in der Wachstumsstrategie der Deutschen Börse im Bereich Pre-Trading und baut auf die Gründung von Qontigo im vergangenen Jahr auf. Damals wurde das Analytics-Geschäft von Axioma mit dem bestehenden Indexgeschäft der Deutschen Börse (STOXX und DAX) zusammengelegt. Als führender Anbieter qualitativ hochwertiger Daten, Analysen und Research mit Fokus im Bereich ESG erzielt ISS attraktive Wachstumsraten. Für 2020 wird erwartet, dass ISS Nettoerlöse von mehr als 280 Millionen US-Dollar (pro-forma IFRS) und eine bereinigte EBITDA-Marge von ungefähr 35 % vor Transaktionseffekten erzielt, wobei letztere weiteres Skalierungspotenzial hat. Bei den Nettoerlösen wird erwartet, dass diese bis 2023 mit durchschnittlich mehr als 5 % pro Jahr organisch wachsen. Die Gruppe Deutsche Börse wird ISS als separates Segment im Geschäftsfeld Pre-Trading ausweisen.

Theodor Weimer, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Börse AG, zur Akquisition von ISS: „ISS ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen und genießt weltweit eine hohe Anerkennung als globaler Marktführer in der Bereitstellung von Daten, Analysen und Research für Investoren und Unternehmen und bei Governance Services. Im Bereich ESG ist ISS einer der führenden Anbieter. Die ESG-Expertise und das Leistungsspektrum von ISS auf der Datenseite ergänzen das Geschäftsmodell der Deutschen Börse über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg perfekt. Gemeinsam haben ISS und die Deutsche Börse beste Voraussetzungen, um einer der weltweit führenden ESG-Akteure der Zukunft zu werden. Die Unternehmenskultur und das Leadership-Team von ISS haben uns nachhaltig beeindruckt. Wir freuen uns darauf, im Zuge dieser Partnerschaft mit ISS das weitere Wachstum des Unternehmens zu unterstützen und gemeinsam die Strategie der Deutschen Börse weiterzuentwickeln.“

Stephan Leithner, im Vorstand der Deutsche Börse AG verantwortlich für Pre- & Post-Trading, fügte hinzu: „ISS verbindet seinen Schwerpunkt auf weltweiter Corporate Governance mit einem zunehmenden Fokus auf eine breitere Definition von ESG-Standards – hier ist Europa derzeit Trendsetter. In diesem Sinne sehen wir unsere Partnerschaft als perfekte Kombination, um Innovation voranzutreiben und unseren Kunden die bestmögliche Expertise bieten zu können – traditionellen Investoren auf Seite von ISS und Finanzintermediären auf der Seite der Deutschen Börse. Als neutraler Marktinfrastrukturanbieter ist die Deutsche Börse hervorragend positioniert, um solche Dienstleistungen anzubieten.“

Gary Retelny, Präsident und CEO von ISS, sagte: „Die führenden Marken und Lösungen der Deutschen Börse passen sehr gut zu den Angeboten von ISS in den Feldern ESG, Governance, Index und Marktresearch. Wir glauben, dass die Verknüpfung der ESG-Daten von ISS mit STOXX-Indizes das Potenzial hat, um neue, leistungsstarke und innovative Lösungen zu entwickeln. Basierend auf einzigartigen Datensätzen können wir die sich weiterentwickelnden Investmentanforderungen unserer Kunden erfüllen. Bei ISS freuen wir uns darauf, nun gemeinsam mit der Deutschen Börse und mit Genstar Capital auf dem weltweiten Erfolg unserer diversifizierten Geschäftsaktivitäten aufzubauen. Wie in den vergangenen mehr als 35 Jahren bleiben wir auch weiterhin unserer Verpflichtung t/reu, unseren Kunden weltweit Daten, Analysen und Research allerhöchster Qualität zu bieten.“

Tony Salewski Managing Director bei Genstar Capital, ergänzte: „Gary Retelny und das Management-Team von ISS haben durch innovative Produktentwicklung und erfolgreiche Akquisitionen eine marktführende Plattform für Daten und Governance aufgebaut. Wir schätzen unsere Partnerschaft der vergangenen drei Jahre sehr. Wir werden weiterhin als Investoren bei ISS an Bord bleiben und freuen uns auf den Wert, den die Deutsche Börse für dieses Geschäft generieren wird und darauf, das Wachstum von ISS gemeinsam weiter voranzutreiben.

Geschichte und Hintergrund

Am 15. März 2018 wurde die Münchner oekom research AG – 1993 von Robert Haßler gegründet und eine der weltweit führenden ESG Research- und Ratingagenturen mit einer eigenen Ratingmethodik und hoher Anerkennung am Markt – Teil von Institutional Shareholder Services Inc., dem weltweit größten Anbieter von Corporate Governance und Responsible Investment-Lösungen. Um der Stärke und dem hohen Ansehen beider Marken Rechnung zu tragen, wurde der entstandene neue Geschäftsbereich „ISS-oekom“ genannt. Dieser ergänzt die bisherige Arbeit der ISS mit hochqualitativen Dienstleistungen für die nachhaltige Geldanlage.

Die Geschäftstätigkeiten von ISS-oekom werden weiterhin von Robert Haßler, einem der Gründer und langjährigen CEO von oekom research geleitet. Heute figuriert die Gruppe als ISS-ESG unter dem Dach der Institutional Shareholder Services group of companies (“ISS”). Hervorgegangen ist oekom research aus der 1993 gegründeten Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating (FGEÖR), ein interdisziplinärer, ökumenischer Zusammenschluss mit dem Ziel, Beiträge zur Entwicklung einer sozial-ökologischen zukunftsfähigen Marktwirtschaft zu leisten.

Die Mitglieder (Stand 2014) sind, bzw. waren kritische Wissenschaftler und engagiert Interessierte der Zivilgesellschaft. In den 90er Jahren hat die Forschungsgruppe die erste Kriteriologie für eine verantwortliche Geldanlage entwickelt – den Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden. 1997 veröffentlichte sie den Band Ethische Kriterien für die Bewertung von Unternehmen, der international Resonanz gefunden hat. Aus der dort begründeten Systematik der Nachhaltigkeitskriterien Kultur-, Natur- und Sozialverträglichkeit ist dann das Corporate Responsibility-Rating der oekom research AG in München entwickelt worden, das heute im Rahmen der ISS-ESG von vielen institutionellen Investoren, Banken und Fondsgesellschaften angewandt wird.

Inzwischen ist die FGEÖR als Weltethos-Forschungsgruppe Finanzen und Wirtschaft an das Weltethos-Institut der Eberhard-Karls-Universität Tübingen angegliedert worden. Als interdisziplinäre, ökumenische Vereinigung will sie zur Entwicklung einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Marktwirtschaft beitragen.

Quellen: